0m Bahnmeisterei

Schienenzangen bei ebay günstig!

Beim Surfen findet man ja immer auch allerlei Beifang, also Dinge, die man gar nicht gesucht hat. So ging es mir gestern mit dieser ebay-Anzeige:

Also für 25 € das Stück finde ich die Dinger richtig günstig. Aber Vorsicht, sie sind im Maßstab 1:1 gehalten und sauschwer.

Der gemeine Modellbahner hat in der Regel noch nie eine Schienenzange gesehen, weil diese Gleisbauarbeiten heute meist maschinell erledigt werden. Wozu dienen Schienenzangen? Na, um Schienen mal ordentlich in die Zange nehmen zu können. Zum Beispiel so:

Zehn kräftige Männer tragen mit fünf Schienenzangen ein vermutlich 9m langes Schienenstück mit 33kg Metergewicht. Wo? Bei einer deutschen meterspurigen Museumsbahn.

Wäre das nicht mal was zur Nachstellung auf einer Modellbahn, genauer gesagt auf einer mit Spur 0m? Da bräuchte man zunächst mal solche Schienenzangen in 1:45. Und was soll ich euch sagen, die gibt’s tatsächlich. Jaffa hat die schon seit geraumer Zeit im Programm. Weil sie auf seiner Shopseite nicht leicht zu finden sind, setze ich mal einen Direktlink.

Dass Jaffa sie ins Programm genommen hat, daran bin ich ehrlich gesagt nicht ganz unschuldig. Aber auch zwei weitere Modellbahner tragen Mitschuld: Horst Kaiser und Rudi Ott. Wir werden geich sehen, in wiefern.

Horst Kaiser lieferte mal vor langer Zeit dieses Bild fürs Harzbahnforum:

Das ist (bzw. war) der Lagerplatz der Bahnmeisterei Gernrode der GHE. Das Gebäude wurde aber immer als Feldschmiede bezeichnet. Wäre das nicht was für Detailfetischisten?

Rudi Ott, langjähriger BAE-Mitmacher, sah dieses Bild – und es machte klick. Er mailte Henning Löther an, der damals noch in Halbertstadt wohnte, also einen Steinwurf von Gernrode entfernt, und bat ihn, die Feldschmiede mal auszumessen. Kurze Zeit später hatte er die Maße und machte sich ans Basteln.

Da staunte Bertold Brecht nicht schlecht, als er sich plötzlich einer 1:45 Feldschmiede untergeordnet wiederfand. Aber nicht lange, denn Rudi hatte das Modell nicht für sein Bücherbord gebaut, sondern für die BAE.

Und so kam es, dass ich im Bf Sieber Nord der BAE eine Bahnmeisterei nach Gernroder Vorbild einrichten konnte:

Nachdem ich so allen möglichen Kleinkram zusammengesucht hatte, der dorthin passte, hatte ich immer noch den Eindruck. dass was fehlte.

Da fiel mir ein, dass ich früher, als die Bm Gernrode noch dem Volke gehörte, dort schonmal ein paar Detailaufnahmen gemacht hatte. Zum Beispiel diese:

Links Stapel von Schienenlaschen, rechts allerlei Zeug. Die Spinnenbeine hinterm Prellbock sind Schwellenzangen, die sind dünner als Schienenzangen.

Das Bild erinnerte mich aber an Schienenzangen, mit denen ich selber früher beim Gleisbau in Bruvi hantiert hatte. Ja, ich wollte Schienenzangen für meine Bm. Damals war Jaffa schon voll für die BAE entbrannt und sagte sofort: „Hast du Zeichnung?“ Ich hatte keine, fand aber eine im allwissenden Internet. Und schon machte sich Jaffa erst ans Zeichnen, dann ans Lasern. Das Ergebnis sah dann so aus:

Dieses low tech-Gerät besteht aus zwei identischen Teilen, die mit einem Drehpunkt vereinigt werden, fertig ist die 1:45 Schienenzange.
Ein neuer Blick auf das Durcheinander vor der Feldschmiede. Ganz rechts unten in der Bildecke liegt eine Schienenzange rum. Das ist nicht in Ordnung, denn Schienenzangen gehören in die dafür vorgesehene Halterung neben dem Tor.

Die Schienenzangenfrage war nun dank Jaffa geklärt. Aber Modellbahner mit Adleraugen erspähen auf dem obigen Bild noch eine Neuheit. Auf der kleinen Bahnmeisterlore, die wir schon drei Bilder weiter oben gesehen haben, liegt jetzt noch ein merkwürdiges Teil mit blauen Griffen. Das war die Tat von Frank-Martin Schmidt, in den Foren unter dem Nick Baumbauer bekannt.

Das gute Stück heißt Schwungramme und war früher im Inventar jeder Bahnmeisterei, genauso wie die Schienenzangen.
Hier das Rohmaterial, aus dem Frank-Martin die Schwungramme zusammengedengelt hat: 4 x 4mm-Kiefernleiste (selber auf der Kreissäge geschnitten), dünnes Messingrohr und Draht für die Griffe, feines Bonzeblech für die Griff-Wangen und noch feineres Kupferblech für den Splitterschutz des Holzes. Die Bleche stammen von Kontakten, die er mal aus einem alten Relais ausgebaut hat.

Und wozu braucht man so eine Schwungramme?

„Haaaaauuu – ruck!“. Nach Anweisung des Bahnmeisters wird die Schwungramme mit Schwung so oft gegen die Schwellenenden gerammt, bis das Gleis gradlienig ist.

Da Frank-Martin nun so in Schwung war, zeigte ich ihm ein weiteres Bild aus der BM Gernrode:

Es geht hier nicht um das Schienenbefestigungsmaterial für K-Oberbau, das hier in Mengen vorhanden ist, sonden um das graue Teil, mit dem zwei Mann einen Batzen davon zur Baustelle tragen können. Wie es im Jargon der Harzer Gleisunterhaltungsrotten heißt, wissen wir nicht, es ist so eine Art Sänfte.

Frank Martin fand das Teil interessant genug, um sich abermals an den Basteltisch zu begeben. Hier sein Ergebnis:

Da ist nicht sooo viel dran, aber man muss die Idee haben und ein wenig Geschick, um so etwas Typisches für eine Bm herzustellen.
Hier nochmal links die Schwungramme auf der Bahnmeisterlore und rechts die Sänfte, beides aus der Produktion des Sänften- äh Baumbauers, sowie ein Haufen Schienenunterlagplatten und ein Stapel Schienenlaschen, beides vom Erbauer der Feldschmiede (s.o.) zusammengefummelt. Klein aber unerhört typisch für eine Bm.

Die Bahnmeisterei in Sieber Nord auf der Baunlage – Andreasberger Eisenbahn (0m) ist, wie wir gesehen haben, ein Synergieprodukt von einer ganzen Reihe von engagierten Modellbahnern. Gemeinsam haben sie ein hochdetailliertes Ensemble erschaffen, das etwas für eine Eisenbahn Urtypisches darstellt. Jaffas Schienenzangen sind ein Teil davon.

3 comments on 0m Bahnmeisterei

  1. Hallo Otto,

    diese Details zu schaffen ist die eigentliche Herausforderung wenn der „grobe“ Rahmen dafür mal weitgehend geschaffen ist. Herrliches Vorbild und super umgesetzt im Modell. Und da kann immer wieder was dazu kommen. Vielen Dank für den Appetitanreger!
    Viele Grüße, Dirk Nick: „DirkausDüsseldorf“

  2. Hallo Otto,
    danke für diesen tollen Beitrag!
    Solche Ausstattungsdetails gehören eigentlich immer (!) in das Umfeld einer Eisenbahn bzw Strassenbahn. Ohne Bahnmeisterei bzw Fahrleistungsmeisterei geht nämlich gar nichts. Und sowas zaubert ganz schnell richtig viel Atmosphäre.
    Ich selber hatte in den ersten 3 Jahren nach der Lehre reichlich Gelegenheit mit all diesen Utensilien zu arbeiten, von den Schienen- und Schwellenzangen über die Ramme usw. bis hin zum Thermit Schweissen.
    Bagger, Kran und ähnliche maschinenelle Hilfen kamen erst später zum Einsatz.
    Eine schöne Erinnerung an meine ersten Gesellenjahre und eine prima Anregung für meine kommende Anlage.
    Danke, und viele Grüße, Georg

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